Campi Flegrei: Schwarmbeben weiter stark

Im Solfatara-Krater in den Campi Flegrei. © Marc Szeglat

Weiter hohe Erdbebentätigkeit in der Campi Flegrei – 100 Beben seit Mitternacht

Datum 16.02.25 | Zeit: 14:30:02 UTC | Koordinaten: 40.8097 ; 14.1057 | Tiefe: 2,5 km | Mb 3,9

Update: Weitere Verstärkung der seismischen Aktivität mit einem Erdbeben Mb 3,9 im Golf von Pozzuoli. Das Hypozentrum lag in 2500 m Tiefe. Der Erdstoß konnte in der ganzen Caldera gespürt werden. Es folgten zahlreiche schwächere Erdbeben, darunter 2 mit Magnituden im Zweierbereich.

Originalmeldung: Die ungewöhnlich hohe Erdbebentätigkeit der Campi Flegrei hält weiterhin an und hat meiner Meinung nach besorgniserregende Höhen angenommen. Alleine heute haben sich bis um 14 Uhr MEZ gut 100 Erschütterungen ereignet. Die meisten Beben hatten geringe Magnituden und lagen in den oberen Gesteinsschichten, in denen sich das Hydrothermalsystem befindet. Einige Erdbeben hatten aber eine etwas höhere Magnitude und lagen auch in Tiefen zwischen 2 und 3 Kilometer. Diese Beben sind aller Wahrscheinlichkeit nach vulkanotektonischen Ursprungs und auf Rissbildungen infolge von Fluidaufstieg zurückzuführen, während die flach liegenden Mikrobeben durch Fluidbewegungen verursacht werden, ähnlich wie Dampf aus einem Kochtopf den Deckel zum Klappern bringen kann.

Die genaue Ursache für die Beben wird kontrovers diskutiert, genauso, wie es bis vor 2 Tagen bei Santorin der Fall gewesen war. Während die eine Expertengruppe meint, dass die Erdbeben nicht durch aufsteigendes Magma verursacht werden und ausschließlich durch Fluide (Gas, wässrige Lösungen) ausgelöst werden, gibt es einige wenige Forscher, die meinen, dass hier Magma seine Finger im Spiel hat. Zwar werden die Erdbeben, die wir nun seit Jahren im Bereich der Caldera beobachten, nicht direkt durch Magma kurz unter der Oberfläche ausgelöst, aber durch eine Magmaansammlung in 4 Kilometern Tiefe.

Ich vertrete die These, dass kurz nachdem in 4 Kilometern Tiefe eine Magmablase angekommen ist, von diesem Magmakörper aufsteigende Fluide die oberflächennahen Erdbeben auslösen. Ich nenne die aufsteigenden Magmenkörper bewusst Magmablasen, weil sich vor dem Aufstieg erst eine gewisse Menge Magma ansammeln muss, die groß genug ist, um aufgrund ihres Dichteunterschieds genug Auftrieb zu haben, um den Druck des umgebenen Gesteins zu überwinden.

Die Aufstiegswege zwischen dem tiefgelegenen Magmakörper in 7 Kilometern Tiefe und der Magmaansammlung darüber werden frei sein, weshalb es in größerer Tiefe keine oder nur sehr wenige Erdbeben gibt. Wenn die Fluide direkt aus einem Magmakörper in 7 Kilometern Tiefe aufsteigen, ist letztendlich trotzdem ein Zustrom an Magma in eben dieses Reservoire die Quelle der bebenauslösenden Fluidschübe.

Man kann das Blatt wenden und drehen, wie man will: Letztendlich steigt Magma in Intervallen auf, dessen Entgasung für den Druckanstieg im Hydrothermalsystem verantwortlich ist, welches die flachen Erdbeben auslöst. Alle anderen Modelle sind unnötig kompliziert und wahrscheinlich realitätsfern. Meine Erfahrung in der Vulkanbeobachtung zeigt mir, dass Magmaaufstieg aus der Tiefe nicht immer mit seismischen Methoden zu erfassen ist oder dass es besondere Methoden erfordert, schwache Erschütterungen in der Tiefe zu detektieren. In einem Umfeld mit ständigen oberflächennahen Bodenbewegungen und anderen Unruhen (Brandung, Verkehr) ist das kaum möglich.

Im konkreten Fall heißt das, dass mit jeder periodisch stattfindenden Verstärkung der oberflächennahen Aktivität entweder in 7 Kilometern Tiefe oder in 4 Kilometern Tiefe neues Magma ankommt. Wenn der Prozess lange genug andauert, steigt das Eruptionsrisiko immer weiter. Und je länger der Ausbruch auf sich warten lässt, desto stärker könnte er werden. Im Endeffekt spielt es auch keine Rolle, ob sich der oberste Magmakörper in 4 oder 7 Kilometern Tiefe befindet, denn in beiden Fällen kann das Magma in kurzer Zeit final aufsteigen. Wenn es aus 7 Kilometern Tiefe kommt, gewinnt man nur ein paar Stunden oder Tage mehr Vorwarnzeit.

Santorin: Magmatischer Einfluss bestätigt

Lavablick von Nea Kameni Richtung Thira auf Santorin. © Marc Szeglat

Erdbebenaktivität bei Santorin schwächt sich ab – Forscher bestätigen magmatischen Einfluss auf die Bebentätigkeit

In den letzten zwei Tagen kam es im Erdbebengebiet nordöstlich von Santorin zu einer weiteren Abschwächung des Schwarmbebens. Es werden zwar immer noch viele Erdbeben registriert, doch sowohl Anzahl als auch Stärke der Erschütterungen haben nachgelassen.

Das stärkste Erdbeben der letzten 48 Stunden manifestierte sich am 13. Februar und hatte eine Magnitude von 4,7. In dem Zeitraum wurden neun Beben im Viererbereich festgestellt. Heute gab es bislang drei Beben mit Magnituden zwischen 4,2 und 4,0. Die Hypozentren lagen in 14 und 12 Kilometern Tiefe.

Entwarnung kann aber noch nicht gegeben werden, denn die Aktivität bewegt sich noch auf hohem Niveau und könnte sich wieder verstärken. Zudem besteht weiterhin die Gefahr eines starken Erdbebens.

Interessanterweise hat sich gestern in der äthiopischen Awash-Region das stärkste Beben Mw 6,0 der Serie ereignet, obgleich die Aktivität seit Wochen rückläufig war. Da dort, wie auch bei Santorin, die Ursachen für die Beben ähnlich sind, könnte Vergleichbares auch bei Santorin passieren. Womit wir zum interessantesten Teil des heutigen Posts kommen.




Magmaintrusion verursacht Erdbeben

Nach Wochen der Unsicherheiten, Spekulationen und Kontroversen zum Ursprung der Beben bei Santorin bestätigte heute ein internationales Forscherteam, dass der Motor hinter der seismischen Aktivität nordöstlich von Santorin eine große Magmenintrusion ist.

Die griechische Seismologie-Professorin Evi Nomikou präsentierte auf ihrem FB-Profil ein Modell des Untergrunds, das in den letzten Tagen auf neuen Forschungsergebnissen basierend erstellt wurde. Demnach aktiviert ein größerer Magmenkörper, der unter die Horst- und Grabenstruktur des Meeresbodens intrudiert, zahlreiche kleinere Störungen zwischen den großen Störungszonen, die die tektonische Struktur an ihren Rändern dominieren. Dabei soll es bereits zu oberflächennahen Gangbildungen gekommen sein, die die kleineren Störungen mit Magma auffüllten und sie quasi kitteten.

Tatsächlich bestätigte die Seismologin, die am Institut für Geologie und Geoumwelt der Universität Athen forscht, dass es in den letzten Tagen bereits zu vulkanischen Tremorphasen kam, die bis zu 2 Stunden dauerten. Tremor wird durch oberflächennahen Magmabewegungen ausgelöst und gilt als Anzeichen eines bevorstehenden (oder bereits stattfindenden) Vulkanausbruchs.

Ich möchte darauf Hinweisen, dass es auch Tremorarten nicht vulkanischen Ursprungs gibt. So können Fluidbewegungen genauso Tremor verursachen, wie lang anhaltende tektonische Bewegungen an Störungszonen. Diese sind oft mit einem langsamen Abgleiten von Bergflanken verbunden, was zu Hangrutschungen führen kann. In diesem Fall würde ein Tsunami drohen.

Zur Zeit kreuzt das Forschungsschiff AEGAEO über dem Erdbebengebiet und sammelt neue Daten, die hoffentlich zu weiteren Erkenntnissen führen werden.

Was heißt das für Santorin?

Sollte es zu einem Vulkanausbruch im Erdbebengebiet kommen, wird er sich wahrscheinlich submarin abspielen. Meine langjährige Erfahrung in Punkto Vulkan- und Erdbebenbeobachtung sagt mir aber auch, dass Magma nicht immer an dem nahegelegensten Ort austreten muss. Der größte Teil der Magmaansammlung befindet sich in 5–10 Kilometern Tiefe und könnte vor bzw. während des finalen Aufstiegs seitlich migrieren und diagonal aufsteigen. Theoretisch wäre es möglich, dass es zu einer Eruption bei den Vulkanen Kolumbus oder Santorin kommt. Jedenfalls haben wir eine Bestätigung, dass die Region magmatisch weiterhin aktiv ist und sich ein Vulkanausbruch aufbauen könnte.

Äthiopien: Erdbeben MW 6,0 bei Awash

Starkes Erdbeben Mw 6,0 erschüttert Riftvalley bei Awash in Äthiopien

Datum 14.02.25 | Zeit: 20:28:24 UTC | Koordinaten: 8.924 ; 39.934 | Tiefe: 10 km | Mw 6,0

Gestern bebte der Untergrund bei Awash in Äthiopien mit einer Magnitude von 6,0. Das Beben wurde von Seismologen überprüft und bestätigt, allerdings konnte die Herdtiefe nicht genau bestimmt werden. Daher wurde sie standardmäßig auf 10 Kilometer festgelegt. Das Epizentrum wurde vom EMSC nur 3 km nord-nordöstlich von Metahāra lokalisiert. Damit lag es im äußersten Südwesten des Erdbebengebiets bei Awash, genauer gesagt nur etwa 7 Kilometer südöstlich des Vulkans Fentale, wo das Ostafrikanische Riftvalley in das Afar-Dreieck übergeht.

Eigentlich hatte die Erdbebenserie, die besonders in der ersten Januarhälfte für Schlagzeilen sorgte und der von der Intensität her mit der Aktivität bei Santorin vergleichbar war, bereits deutlich nachgelassen. In den letzten Wochen kam es nur noch zu sporadischen Erdbeben im Magnitudenbereich von 4. Das letzte manifestierte sich am 12. Februar noch etwas weiter südlich des aktuellen Bebens und hatte eine Magnitude von 4,4.

Der Erdstoß von gestern war das stärkste Beben der Serie. Bisher hielt diesen Titel ein Erdbeben der Magnitude 5,8, das sich am 4. Januar ereignete. Dieses galt bereits als das stärkste Erdbeben der letzten 64 Jahre im Afar-Dreieck.

Obwohl der Magnitudenunterschied zwischen den beiden Erdbeben nur 0,2 Einheiten beträgt, setzte das aktuelle Beben Mw 6,0 etwa doppelt so viel Energie frei wie das Beben vom 4. Januar. Dieser Zusammenhang wird durch die Gutenberg-Richter-Relation beschrieben.

Das Erdbeben vom 4. Januar verursachte bereits Schäden in der Region und führte zur Flucht zahlreicher Bewohner der betroffenen Region. Da das aktuelle Beben noch mehr Energie freisetzte, könnten die Schäden erheblich größer sein. Zudem lag das Epizentrum deutlich näher an größeren Siedlungen als das Januar-Beben. Besonders Metahāra, das nur 3 Kilometer entfernt liegt, dürfte stark betroffen sein. Auch die größere Stadt Awash ist mit rund 25 Kilometern Entfernung nicht weit vom Epizentrum entfernt. Weitere Informationen folgen.

Santorin: Vulkanologe vermutet Vulkanausbruch

Nachlassen der seismischen Aktivität bei Santorin – Vulkanologe vermutet Vulkanausbruch

Der Erdbebenschwarm nordöstlich der griechischen Insel Santorin hat seit gestern deutlich an Intensität verloren: Heute wurde noch kein Erdbeben mit einer Magnitude größer als 4,0 registriert. Das letzte mittelstarke Erdbeben ereignete sich gestern Abend um 23:02:37 UTC. Es hatte eine Magnitude von 4,3 und eine Herdtiefe von nur 5 Kilometern. Seitdem gab es mehrere schwache Beben, die vor allem im Bereich der Mikroseismizität liegen. Vermutlich traten diese Erschütterungen die ganze Zeit über auf, waren aber aufgrund der stärkeren, in schneller Abfolge auftretenden Beben auf den Seismogrammen nicht auszumachen. Einen Grund zur Entwarnung gibt es aber noch nicht, es könnte ein neuer Erdbebenpuls folgen.

Während die meisten griechischen Seismologen weiterhin von einem rein tektonischen Ursprung der Beben ausgehen, beginnt diese Einschätzung zu bröckeln. Bereits vorgestern trat der Seismologe Akis Tselentis aus dem Sicherheitsrat für Erdbebengefahren zurück. Er begründete seinen Rücktritt mit der Annahme, dass wirtschaftliche Interessengruppen die Gefahreneinschätzung seiner Kollegen beeinflusst hätten. Nun äußerte sich auch der INVOLCAN-Vulkanologe Luca D’Auria gegenüber dem spanischen Onlinemagazin 20Minutos zur Lage auf Santorin.

Der Vulkanexperte beobachtet die Situation von Teneriffa aus und meint die Beben sind vulkanischen Ursprungs. Er schließt nicht aus, dass es zu einer Unterwassereruption kommen könnte – möglicherweise sei sie sogar bereits im Gange. Da das Mittelmeer im Bereich der Epizentren über 1.000 Meter tief ist, wären an der Wasseroberfläche nicht zwangsläufig sichtbare Anzeichen erkennbar. D’Auria zieht Parallelen zum submarinen Ausbruch von El Hierro im Jahr 2011. Dort war das Wasser nur wenige Hundert Meter tief, sodass deutliche Veränderungen an der Oberfläche sichtbar wurden, darunter ein Fischsterben. Zur Erinnerung: Dem Ausbruch gingen über Monate hinweg ähnliche Schwarmbeben voraus wie aktuell bei Santorin. Die Beben traten schubweise auf, begannen vor der Nordküste von El Hierro und wanderten langsam nach Süden, wo es schließlich zu einer Eruption vor der Südküste kam.

In seinem Interview mit 20Minutos verwies D’Auria auf erste Hinweise für eine mögliche Unterwassereruption vor Santorin, darunter Wassertrübungen und eine Temperaturanomalie. Diese Angaben sind jedoch bisher nicht aus anderen Quellen bestätigt.

Update: Kaum habe ich diese Zeilen veröffentlicht, da gab es dann gleich zwei Beben mit den Magnituden 4,6 und 4,5 (siehe Seismogramm). Tremor ist nicht zu erkennen, daher gehe ich nicht davon aus, das tatsächlich schon eine Eruption im Gange ist.

Campi Flegrei: 60 Beben in 24 Stunden

Calderavulkan Campi Flegrei bebt weiter – ca. 60 Beben in 24 Stunden

Seit meinem letzten Post zu den Campi Flegrei in Süditalien sind gerade einmal 24 Stunden vergangen, während denen das gestern gemeldete Schwarmbeben weiterging. Seitdem sind gut 60 Beben hinzugekommen. Insgesamt haben sich in den letzten 3 Tagen also ca. 120 Erschütterungen ereignet. Zwischendurch gab es mal eine etwas ruhigere Phase und das INGV postulierte einen neuen Erdbebenschwarm, wobei man die Aktivität aber auch getrost zusammenfassen kann. Einige Autoren sind auch der Meinung, dass die Unterteilung in einzelne Schwärme sinnlos ist, da die Erdbebenaktivität auch in ruhigeren Zeiten nie ganz aufhört. Man kann eigentlich von einem großen Schwarmbeben reden, das die gesamte Zeit über anhält, oder neu zu zählen anfangen, wenn es mal an einem Tag zu keiner Erschütterung kommen sollte.




Wie auch immer, das stärkste Beben der letzten Stunden hatte eine Magnitude von 2,5 mit einem Hypozentrum in 2100 m Tiefe. Das Epizentrum lagin unmittelbarer Nähe zum Thermalgebiet von Pisciarelli. Das zweitstärkste Beben kam auf M 2,4 in 2800 m Tiefe und lag nordwestlich der Solfatara. Der überwiegende Teil der Beben hatte Magnituden im Bereich der Mikroseismizität und spielte sich im Hydrothermalsystem der Caldera ab. Auffällig ist, dass einige der schwächeren Beben über ein großes Gebiet verstreut liegen, das bis hinter Ischia reicht. Aber vielleicht ist hier auch nur die automatische Verortung inkorrekt.

Begann das Jahr noch mit einer vergleichsweise niedrigen seismischen Aktivität, sehen wir in den letzten Wochen wieder eine signifikante Steigerung, die all jene Fachmänner Lügen straft, die die ruhigere Phase als Anzeichen eines Abklingens der Aktivitätsphase ansahen. Bereits damals schrieb ich, dass sich die Aktivität in der ruhigeren Phase eigentlich noch genau auf dem Niveau befand, das dem langjährigen Mittel entsprach. Grund zur Entwarnung gibt es also nicht. Ich vermute, die Aktivitätssteigerung geht einher mit der Ankunft einer weiteren Magmablase in 4–5 Kilometern Tiefe, und es würde mich nicht wundern, wenn wir bald eine erneute Beschleunigung der Bodenhebung sehen würden.

Santorin: Seismologe verlässt Sicherheitsrat

Vulkankrater auf Nea Kameni in der Santorin-Caldera. © Marc Szeglat

Erdbeben auf Santorin gehen weiter – Renommierter Seismologieprofessor verlässt Sicherheitsrat

Das Schwarmbeben vor Santorin setzt sich fort. Wie in den vergangenen Tagen wechseln sich ruhigere Phasen mit stärkeren Episoden ab. Während einer dieser intensiveren Phasen wurden mehrere Erdbeben im Vierer- und Fünfer-Bereich registriert. Das stärkste Beben erreichte in der vergangenen Nacht eine Magnitude von 5,1. Laut dem GFZ Potsdam ereignete es sich um 01:14:54 UTC in einer Tiefe von nur 6 Kilometern.

Ein Blick auf die Erdbebenlisten des GFZ zeigt, dass sich mittelstarke Erdbeben zunehmend in Richtung Oberfläche verlagern und mittlerweile bis in eine Tiefe von nur 4 Kilometern reichen. Die meisten Beben mit Magnituden im Viererbereich treten in 5 bis 7 Kilometern Tiefe auf – eine Tiefe, in dem sich häufig Magma ansammelt. Dennoch glauben viele griechische Seismologen weiterhin nicht an einen magmatischen Ursprung der Bebenserie.

Einer, der eine andere Meinung vertritt und mir damit indirekt den Rücken stärkt, ist der Seismologieprofessor Akis Tselentis. Er trat gestern aus Protest gegen die mutmaßliche Einflussnahme verschiedener Interessengruppen auf die Wissenschaftler aus dem Nationalen Seismologischen Sicherheitsrat aus.

Auf seiner Facebook-Seite schreibt Akis, dass eine umfassende Analyse der seismologischen Daten eine Wechselwirkung zwischen aufsteigendem Magma und tektonischen Verwerfungen zeigt. Die freigesetzte seismische Energie entspricht in Summe einem Erdbeben der Magnitude ML 6 (Richterskala). Entgegen politischer oder wirtschaftlicher Behauptungen bedeutet dies keineswegs eine Abschwächung der Aktivität. Nicht eine einzelne Verwerfung baut Spannungen ab, sondern ein gesamtes seismisches Volumen mit vielen kleineren Verwerfungen. Die Vielzahl an Erdbeben ist auf den zunehmenden Druck aufsteigenden Magmas zurückzuführen.

Wie ich hält Akis es für möglich, dass das Magma eine der größeren Störungszonen in der Region aktiviert, wodurch stärkere Erdbeben entstehen könnten.

Sollte sich der Schwarm und damit der Magmenaufstieg in den nächsten Tagen nicht signifikant abschwächen, halte ich einen – vermutlich submarinen – Vulkanausbruch für immer wahrscheinlicher. Tatsächlich wissen wir spätestens seit Island, das Magma aber auch schräg aufsteigen kann und so könnte es seinen Weg nach Santorin finden. Eine wissenschaftliche Bestätigung in Form einer unterseeischen Bodenhebung und evtl. Gasemissionen steht aber weiterhin aus. Bis diese vorliegt oder eben nicht nachgewiesen werden kann, ist das lediglich eine Hypothese. Grund zur Panik besteht nicht.

Die jüngste Sitzung des Sicherheitsrats ergab, dass der Katastrophenalarm auf Santorin vorerst bestehen bleibt und sogar auf  die Nachbarinsel Amorgos ausgedehnt wird. Schulen bleiben geschlossen, es gilt ein Versammlungsverbot für größere Gruppen, und Wege entlang von Klippen sollten aufgrund anhaltender Steinschlaggefahr gemieden werden. Zudem sind gefährliche Güter in Gebäuden zu sichern.

Für den Tourismus auf Santorin ist die Situation natürlich ein Gau, vor allem, weil man nicht weiß wie lange sie bestehen bleiben wird. Erste Kreuzfahrtschiffe haben ihren Besuch auf Santorin bereits abgesagt.

Campi Flegrei: Weiteres Schwarmbeben am 11. Februar

Calderavulkan Campi Flegrei erzeugte weiteren Erdbebenschwarm – 60 Erschütterungen innerhalb von 2 Tagen

In Süditalien kommt die Erde nicht zur Ruhe! Nach den Erschütterungen am Ätna und Vesuv stimmten nun auch die Campi Flegrei (Phlegräische Felder) in den Reigen der unruhigen Vulkane ein und erzeugten am 10. und 11. Februar insgesamt 60 schwache Erdbeben. Heute haben sich bereits 13 weitere Beben dazugesellt. Die Magnituden der meisten Beben lagen im Bereich der Mikroseismizität, es gab jedoch auch einige Erdbeben mit einer Magnitude von über 1,5. Die stärkste Erschütterung hatte eine Magnitude von 2,3 und eine Herdtiefe von 2300 m. Das Epizentrum befand sich auf halber Strecke zwischen Solfatara und Monte Nuovo. In diesem Areal kam es zu einer kleinen Clusterbildung. Viele der weiteren Erdbeben verteilten sich zwischen diesen Epizentren und der Solfatara. Während man davon ausgehen kann, dass die Mikrobeben auf Fluidbewegungen im Hydrothermalsystem des Vulkans zurückzuführen sind, könnten die stärkeren Beben infolge von Rissbildung durch den Aufstieg dieser Fluide entstanden sein. Langsam aber sicher wird die stabile Deckschicht des Calderadeckels zermürbt – ähnlich wie die Bausubstanz an der Oberfläche.

Bereits in der letzten Woche war die Erdbebenaktivität überdurchschnittlich hoch. Aus dem aktuellen Wochenbericht des INGV geht hervor, dass in der Zeit vom 3. bis 9. Februar 2025 insgesamt 118 Erdbeben verzeichnet wurden. Das stärkste hatte eine Magnitude von 3,2. Die Bodenhebung blieb an der Messstation RITE bei 10 mm pro Monat. Betrachtet man die zugehörige Grafik, erkennt man eine leichte Beschleunigung der Hebegeschwindigkeit in den letzten Tagen. Genauere Berechnungen werden zeigen, ob sie tatsächlich zugenommen hat. Die geochemischen Parameter zeigen keine Abweichungen gegenüber den letzten Messungen, und die gesamten Daten bestätigen eine weitere Erwärmung sowie eine zunehmende Druckbeaufschlagung des Hydrothermalsystems. Die Fumarolentemperatur von Pisciarelli lag im Durchschnitt bei 97 Grad, gemessen im Gasstrom 5 m entfernt vom Fumarolenmund.

In der Facebook-Gruppe zur roten Gefahrenzone der Campi Flegrei wurden erneut Bilder geteilt, die den immer weiter trockenfallenden kleinen Hafen zeigen – ein deutliches Zeugnis der Bodenhebung, die sich bis an die Küste und den Meeresboden auswirkt.

Die Campi Flegrei sind eine aktive Caldera in der Region Kampanien, westlich von Neapel. Der Name bedeutet „brennende Felder“ und verweist auf die zahlreichen Fumarolen, heißen Quellen und vulkanischen Aktivitäten in der Region. Die Caldera entstand durch mehrere große Eruptionen, von denen die letzte größere vor etwa 39.000 Jahren stattfand und als eine der stärksten bekannten Eruptionen Europas gilt. Seitdem zeigen die Campi Flegrei wiederkehrende Phasen magmatischer Aktivität, darunter Bodenhebungen, Seismizität und Gasaustritte.

Santorin: Erdbeben Mw 5,3 am 10.02.25

Wasserverfärbungen Nea Kameni in der Santorin-Caldera (Archiv). © Marc Szeglat

Weitere Erdbeben bei Santorin – Stärkste Erschütterung Mw 5,3

Datum 10.02.25 | Zeit: 20:16:28 UTC | Koordinaten: 36.67, 25.7 | Tiefe: 8 km | Mw 5,3

Der Erdbebenschwarm nordwestlich von Santorin geht weiter. Die Aktivität fluktuiert zyklisch und alle 10 bis 12 Stunden kommt es zu einer Verstärkung der Aktivität, bei der nicht nur die Anzahl der Erdbeben zunimmt, sondern auch ihre Stärke. Während einer dieser Hochphasen ereignete sich gestern Abend um 20:16:28 UTC ein vergleichsweise starkes Erdbeben der Magnitude 5,3. Der Erdbebenherd lag in 8 Kilometern Tiefe. Das Epizentrum lag nördlich der kleinen Insel Anydros und gefährlich nahe an der Amorgos-Störung, an der sich 1956 das Starkbeben Mw 7,2 ereignete. In den letzten Tagen verlagerte sich die Erdbebenaktivität weiter nach Nordwesten. Schaut man sich die Shakemap an, dann erkennt man, dass sich die meisten Beben nun nordöstlich von Anydros ereignen. Vor ein paar Tagen lag das Eiland noch im Zentrum des Bebenclusters und am Anfang des Schwarms lag der Schwerpunkt des Schwarms südwestlich der Insel. Tatsächlich verläuft die Migration der Beben nicht linear, sondern es gab mehrere Hin-und-her-Bewegungen entlang einer Linie, die an der Ostflanke des Unterwasservulkans beginnt.

Migration der Erdbeben entlang einer Linie

Das EMSC hat eine Animation der Epizentren-Verlagerung im Zeitverlauf gemacht, bei der man die oben beschriebene Migration sehr gut erkennen kann. Die Animation wurde von den Kollegen von „Volcanoes y Ciencia Hoy“ ausfindig gemacht. Schade, dass man versäumte, eine Reliefkarte des Meeresbodens unter die Animation zu legen. Dafür gibt es aber inzwischen eine tektonische Karte des Meeresbodens, auf der die Lage der Erdbeben eingezeichnet wurde. Sie zeigt, dass die Erdbebenmigration zwar parallel zur Hauptstörungsrichtung des Grabens verläuft, aber nur in seinem nordöstlichsten Verlauf mit der Santorin-Anafi-Störung übereinstimmt. Von den Erdbebenmarkierungen verdeckt ist eine kleinere tektonische Bruchlinie, die am Kolumbos beginnt und von der Erdbebenmigration leicht geschnitten wird.

Die Erdbeben könnten nun mit einer tektonisch bedingten Rissöffnung in Zusammenhang stehen oder aber von einem magmatischen Gang verursacht werden, der sich entlang von tektonischen Schwächezonen ausbreitet. Die eingangs erwähnten Verstärkungsintervalle deuten auf Letzteres hin und konnten u.a. bei der Ausbreitung der Intrusionen an den Vulkanen Bardarbunga und Fagradalsfjall, sowie im Vorfeld der La Palma-Eruption beobachtet werden.

Dass das Beben Mw 5,3 gestern Abend so nahe an der Amorgos-Störung lag, ist beunruhigend, denn es besteht die Gefahr, dass auch diese Störung aktiviert werden könnte. Wie erwähnt hat sie ein deutlich größeres Potenzial, starke Beben hervorzubringen, als die Störungen am Boden des Grabens.

Santorin: Noch ein Erdbeben Mw 5,0

Die Klippen von Santorin. © Marc Szeglat

Ein weiteres Beben Mw 5,0 erschütterte Erdbebenregion bei Santorin – Schulen bleiben geschlossen

Datum 09.02.25 | Zeit: 19:05:39 UTC | Koordinaten: 36.660 ; 25.607 | Tiefe: 15 km | Mw 5,0

Ein weiteres mittelstarkes Erdbeben der Magnitude Mw 5,0 manifestierte sich gestern Abend um 19:05 UTC im Erdbebengebiet nordöstlich von Santorin. Der Erdbebenherd soll in 41 Kilometern Tiefe gelegen haben. Das Beben war Auftakt zu einer erneuten Steigerung der Seismizität, nachdem es tagsüber nach einer leichten Entspannung der Situation aussah. Wie so oft gibt es von den verschiedenen Erdbebendiensten uneinheitliche Angaben zum Erdstoß. Die hier genannten Daten stammen vom GFZ Potsdam. Beim EMSC hat das Beben eine Magnitude von 5,2, wobei nicht klar ist, welche Magnituden-Skala verwendet wurde. Die Tiefe hier wird mit 15 Kilometern angegeben.

Im Laufe der Nacht ebbte der neuerliche Erdbebenschub wieder etwas ab, doch auch heute Morgen gab es weitere Erdstöße. Die Magnituden bewegten sich vornehmlich im Zweier- und Dreierbereich. Obwohl sich keine wissenschaftlichen Prognosen über den weiteren Verlauf des Erdbebenereignisses anstellen lassen, gewinne ich den Eindruck einer übergeordneten Abschwächung des seismischen Schwarms. Seine Ursache bleibt ungeklärt und die Fachwelt ist in zwei Lager gespalten. Während die meisten griechischen Seismologen eine rein tektonische Ursache hinter den Beben sehen und die Sequenz als mögliches Vorspiel für ein starkes Erdbeben interpretieren, sind es vor allem Geoforscher aus Deutschland, die einen magmatischen Trigger des Schwarmbebens für wahrscheinlich halten. Da es in der Fachwelt ein ungeschriebenes Gesetzt gibt, dass sich in Punkto Erdbeben und Vulkanausbrüchen immer nur das zuständige Observatorium gegenüber der Öffentlichkeit äußern soll, halten sich andere Forscher meistens mit ihrer Meinungsäußerung zurück.

Auf den ersten Blick scheint die Frage nach dem Auslöser der Erdbebenserie rein wissenschaftlicher Natur zu sein, doch bei genauerer Betrachtung macht es insbesondere für den Katastrophenschutz schon einen Unterschied, ob man mit einem starken Erdbeben oder mit einem (submarinen) Vulkanausbruch rechnen muss oder vielleicht sogar mit einer Kombination aus beiden, gepaart mit einem Tsunami. Doch je extremer die möglichen Folgen der Vorgänge werden, desto unwahrscheinlicher werden sie. Es bleibt natürlich die Frage, auf welche Eventualitäten man sich vorbereiten soll. Auf Santorin reagiert man u.a. mit dem Aufbau von Zeltunterkünften und Schulschließungen.

Die Kontroverse verdeutlicht einmal mehr, wie wenig die Prozesse im Detail verstanden sind, die letztendlich zu Erdbeben und Vulkanausbrüchen führen. Trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte sind insbesondere Erdbeben nicht vorhersagbar und Vulkanausbrüche lassen sich bestenfalls nur wenige Tage oder Stunden im Voraus prognostizieren. Mathematische Modelle, die uns eine konkrete Wahrscheinlichkeit für das Auftreten eines Starkbebens bei Santorin geben könnten, gibt es nicht. Wir wissen de facto nicht, ob die Wahrscheinlichkeit für ein starkes Beben nun bei 0,1% oder 100% liegt. Genauso wenig weiß man, mit welcher Magnitude man rechnen muss.

Gibt es einen Zusammenhang von Erdbebenschwärmen in verschiedenen Vulkangebieten?

Unklar bleibt auch, ob es global betrachtet tatsächlich zu Zyklen erhöhter vulkanischer und seismischer Aktivität kommt oder ob vermeintliche Häufungen von Ereignissen reiner Zufall sind. In diesen Tagen werde ich oft angeschrieben, ob es einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen in Griechenland (Santorin), Italien (Campi Flegrei) und Äthiopien (Awash) gibt. Rein wissenschaftlich betrachtet lassen sich keine direkten Zusammenhänge erklären. Indirekt sind die Erdbebensequenzen in diesen drei tektonisch aktiven Vulkanregionen über plattentektonische Prozesse gekoppelt.
Es gibt Thesen, nach denen Gezeitenkräfte, Sonnenaktivität und kosmische Hintergrundstrahlung die genannten irdischen Phänomene beeinflussen könnten. Diese Thesen sind bislang wissenschaftlich nicht schlüssig bewiesen und werden von den meisten Wissenschaftlern abgelehnt, da ihre Wirkungen (sofern überhaupt vorhanden) minimal wären. Letztendlich ist es dann eine Glaubensfrage, ob man sich solche außerirdischen Einflüsse auf irdische Gegebenheiten vorstellen möchte oder nicht. Den Weltuntergang werden sie wohl nicht auslösen.

Weiterführender Link: Erdbebenzyklen